Psychotherapie

Warum Veränderung in der Psychotherapie oft schwerfällt

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Warum Veränderung in der Psychotherapie oft schwerfällt –

ein transaktionsanalytischer Blick

Viele Menschen erleben in der Psychotherapie, dass sie sehr genau wissen, was ihnen guttun würde – und dennoch nicht in der Lage sind, diese Veränderung umzusetzen.
Der Wunsch nach Veränderung ist da, die Einsicht ebenfalls. Trotzdem bleibt etwas innerlich stehen.

Aus psychotherapeutischer Sicht ist dieses Erleben kein Zeichen von mangelnder Motivation oder fehlendem Willen. Häufig handelt es sich um einen typischen Veränderungsprozess in der Psychotherapie, der mit innerem Widerstand und tief verankerten Beziehungserfahrungen verbunden ist.


Wissen allein führt nicht automatisch zu Veränderung

In unserer Gesellschaft wird Veränderung oft als rationaler Vorgang verstanden:
Wenn ich erkenne, was problematisch ist, kann ich mein Verhalten ändern.

In der Psychotherapie zeigt sich jedoch immer wieder, dass Einsicht allein selten ausreicht. Veränderung betrifft nicht nur das bewusste Denken, sondern das gesamte innere System eines Menschen – einschließlich emotionaler Erfahrungen, früher Bindungsmuster und unbewusster Entscheidungen.

Gerade dann, wenn Veränderung sinnvoll erscheint, kann sie innerlich als bedrohlich erlebt werden.


Symptome als Anpassungsleistungen verstehen

In der Transaktionsanalyse werden psychische Symptome nicht primär als Defizit oder Störung betrachtet. Sie werden als Anpassungsleistungen verstanden, die in bestimmten Lebensphasen eine wichtige Funktion erfüllt haben.

Solche Symptome können zum Beispiel:

  • vor Überforderung schützen

  • Bindung sichern

  • emotionale Stabilität herstellen

Was heute Leid verursacht, war früher häufig eine notwendige Lösung.
Diese Perspektive ermöglicht einen differenzierten Umgang mit innerem Widerstand in der Psychotherapie.


Das Lebensskript und innere Loyalitäten

Ein zentrales Konzept der Transaktionsanalyse ist das Lebensskript. Es beschreibt früh getroffene, meist unbewusste Entscheidungen darüber, wie man sein darf, was man erwarten kann und wie Beziehungen funktionieren.

Lebensskripte entstehen immer im Beziehungskontext.
Deshalb berührt Veränderung nicht nur das individuelle Verhalten, sondern auch innere Loyalitäten gegenüber wichtigen Bezugspersonen.

Veränderung kann bedeuten:

  • vertraute Rollen aufzugeben

  • alte Beziehungsmuster zu hinterfragen

  • innere Elternbotschaften infrage zu stellen

Auch wenn diese Muster heute nicht mehr hilfreich sind, haben sie lange Sicherheit und Orientierung geboten.


Innere Konflikte zwischen den Ich-Zuständen

Veränderungsprozesse zeigen sich häufig als innere Konflikte zwischen den Ich-Zuständen:

  • Das Erwachsenen-Ich erkennt, was sinnvoll wäre.

  • Das Kind-Ich erlebt dieselbe Veränderung als bedrohlich oder verlustreich.

  • Das Eltern-Ich warnt möglicherweise vor Konsequenzen oder Grenzüberschreitungen.

Dieser innere Widerstand ist kein Zeichen von Schwäche.
Er ist Ausdruck eines Systems, das versucht, Stabilität und Beziehungssicherheit zu bewahren.


Therapeutische Arbeit mit innerem Widerstand

In der Psychotherapie geht es nicht darum, Widerstände zu überwinden oder Symptome möglichst schnell zu beseitigen.
Aus transaktionsanalytischer Sicht steht das Verstehen der Funktion im Vordergrund, die ein Symptom oder ein bestimmtes Verhalten erfüllt.

Erst wenn diese Funktion anerkannt wird, kann sich das innere System neu organisieren. Veränderung wird dann möglich, ohne dass innere Loyalitäten verletzt oder Schutzmechanismen übergangen werden.

Psychotherapeutische Veränderung entsteht nicht durch Druck, sondern durch Beziehung und Verständnis.


Veränderung braucht Beziehung

Nachhaltige Veränderung in der Psychotherapie ist selten ein rein individueller Willensakt. Sie entsteht in einem relationalen Prozess, in dem Sicherheit und Reflexion möglich werden.

Innere Widerstände weisen häufig darauf hin, dass etwas geschützt werden möchte, das einmal notwendig war. Sie verdienen Aufmerksamkeit – nicht Bewertung.

Veränderung gelingt dann, wenn neue Erfahrungen gemacht werden können, ohne das innere Gleichgewicht zu gefährden.


Fazit

Wenn Veränderung schwerfällt, obwohl sie sinnvoll erscheint, liegt das selten an fehlender Einsicht. Oft handelt es sich um einen komplexen psychotherapeutischen Prozess, in dem Symptome, Skriptentscheidungen und Beziehungserfahrungen eine zentrale Rolle spielen.

Innerer Widerstand ist in der Psychotherapie kein Hindernis, sondern ein wichtiger Hinweis.Er zeigt, wo Schutz notwendig war – und wo behutsame Veränderung möglich werden kann.